Archiv der Kategorie: Glosse

Ich bin dann mal offline

(oder: wie die Telekom mich für 2 Tage ins finstere Mittelalter beförderte)

(notiert, um zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Stück für’s lokale Bauerntheater weiterentwickelt zu werden)

1. Akt – die dreiste Lüge des Baggerführers

18. März, 08:15

Während des Frühstücks, geht mir eine geniale Replik auf den Tweet eines Freundes durch den Kopf. Zwischen Espresso und Toast greife ich also zum iPad, um eben die 140 Zeichen auf den Weg zu bringen, aber der verdammte Beitrag will sich nicht senden lassen. Also wird als erstes mal das WLAN im iPad deaktiviert und wieder aktiviert. Ohne Ergebnis. Dann also an den Rechner. Der ist auch offline. Den Router vom Strom geklemmt und neu gestartet. Immer noch nix.

Kurze Verschnaufpause. Kenne ich von der Tauchausbildung: Stop – breathe – think – act! Das könnten Netz- oder Providerprobleme sein.

Andere Menschen würden jetzt auf dem Mobiltelefon checken, ob es Providerprobleme geben könnte, aber nicht ich. Ich lebe in der verdammten Kommunikationsdiaspora. Mehr als eine 5.000er-DSL-Leitung gibt es hier am hintersten Fleckchen vom Arsch der Welt nicht, Glasfaser legt hier keiner her (es gab wohl mal den Versuch, aber die Bauarbeiter sind auf dem Weg hier raus verdurstet) und selbst das Mobilnetz ist nur auf der obersten Sprosse einer Auzsziehleiter an diesem einen (mittlerweile mit einem Kreuz markierten) Fleckchen im Garten zu empfangen.

Rufen wir also ganz old school mal beim Provider an, ob der vielleicht mehr weiß. Zum Telefon gegriffen und … das ist so tot wie die Heimkurve der Turner beim Derby.

Stop – breathe – think – act!

Die ver…e Baustelle 2 Häuser weiter. Die baggern da gerade. Die werden doch wohl nicht…. Ich rüber zu den Bauarbeitern: „Kann es sein, dass ihr das Telefonkabel durchgehauen habt?“ Kindlich unschuldiger Augenaufschlag des kleinen Dicken mit dem Filzhut: „Naa, dös hättma bemerkt“. Verstohlenes Kichern der umstehenden Blaumänner. Ich auf dem direkten Weg zum Nachbarn und an dessen Telefon. Auch tot. Ich wieder zur Baustelle und in die Grube geleuchtet. Das durchtrennte Kabel auf den ersten Blick gesichtet. Den Baggerführer daraufhin mit dem etwas strengeren Oberschulratsblick fixiert: „Ganz sicher?? Ist alles Tot hier in der Straße“. Er knickt sofort ein und gesteht „Mir hom aba scho‘ die Telekom informiert“. Frei nach Josef Hader: „neunzg Prozent von de Bauarbeiter, könnens sagen, zu hundert Prozent san des Trotteln.“

Immerhin haben wir das Problem identifiziert, und wie sagt der Volksmund so schön? „Problem erkannt, Problem gebannt“. Wie sich im weiteren Verlauf zeigen sollte, muss dieser Sinnspruch aus der Zeit vor Gründung der Deutschen Telekom stammen.

2. Akt – die harsche Ablehnung der sächsischen Call Center Angestellten

18. März, 09:30

Die Klappleiter im Garten auf die Stelle mit dem Kreuz gestellt, aufgeentert, in der Edge-Hölle die Störungsnummer der Telekom ermittelt und dann bei der Hotline der Telekom angerufen, um den Schaden an der Hauptleitung zu melden. Anrufen ist eine etwas euphemistische Formulierung für die Telefoncomputer-Eingabetortur, die man erst einmal durch laufen muss:

  1. Abwarten des herzlichen, von einer sympathischen Frauenstimme vorgetragenen Begrüßungssprüchleins
  2. Beantwortung der Frage, ob es sich bei der Rufnummer, von der aus man anruft, um die Nummer handelt, um die es geht (nein tut es nicht, weil ich von der Nummer, um die es geht aus nicht anrufen kann)
  3. Eingabe der Nummer um die es nun tatsächlich geht
  4. Eintippen des relevanten Themenfeldes („tippen sie 1 für Vertrag, 2 für Rechnung, 3 für Informationen zu Geräten, … 95 für Störungsmeldungen“)
  5. Abwarten der Information, dass man auch über das Internet ganz tolle Informationen bekommt und Störungen eingeben kann (mein verdammtes Internet geht aber nicht!!!!)
  6. Beantworten der Frage, ob man mit einem Menschen verbunden werden möchte (JA! Schreit mein Herz. JA! JA!: Ecce, Homo! Ja, bitte!)
  7. Wiederholung der Antwort in gemessenerem Tonfall und ohne Lateinische Begleiterklärungen („ich habe Sie nicht verstanden!“)
  8. Mitteilung, dass nun eine kurze Messung vorgenommen würde, die einige Sekunden in Anspruch nehmen könne
  9. Beantwortung der Frage, ob ich mit einem Mitschnitt des Gesprächs einverstanden bin

und dann – endlich – eine menschliche Stimme (mit sächsischem Akzent. Die ganze entnervende Prozedur von 1-8 dient also nur dem Stressabbau, um für das Gespräch mit Sachsenpaula gewappnet zu sein):

„Diedeitschedelegommwasgannschfürsiedun?“
„Ich möchte ein durchtrenntes Telefonkabel melden“
„Gemsemalbiddeihrenummer“
„089…“
kurze Pause
(in entrüstetem Tonfall und plötzlich glasklarem Hochdeutsch:)
„Sie sind ja gar kein Telekom-Kunde!“
„Nein, aber es geht ja auch nicht um meinen Hausanschluss, sondern da ist ein Kabel durchge…“
„Ich kann das nicht aufnehmen!“
„Die ganze Straße ist..:“
„SIE SIND GEEN GUNDE – DANN KANN ICH DAS NICHT AUFNEHMEN!“

Alle Beteiligten ab. Vorhang.

3. Akt – der Vodafonekunde im Telekompelz

18. März, 09:00

In einem kurzen Krisenrat der Kommnikationsamputierten wurde beschlossen, dass ich im Namen meines Nachbarn noch einmal bei der Telekom anrufen solle. Nach erneutem Aufentern auf die Stehleiter und dem zweiten Durchlauf der nun mittlerweile schon vertrauten viertelstündigen Telefoncomputer-Prozedur wurde ich wieder mit einem Mitarbeiter des Kommunikationskonzerns verbunden. „Diedeitschedelegommwasgannschfürsiedun?“. Im zweiten Anlauf – als treuer und langjähriger Kunde – war die Behandlung wohlwollender und ich durfte sogar meinen Satz beenden, dass das Kabel auf der Straße … ihr wisst schon.

Mir wurde mit stolzer Stimme mitgeteilt, dass man sich der Sache annehmen und einen Techniker schicken würde, der die Lage vor Ort prüfe. Mein verzagtes Nachhaken, dass der Prüfungsbedarf sich aufgrund der vorliegenden Beweislage eigentlich ja erübrige, wurde mit dem Hinweis abgeschmettert, dass das nun einmal die Regelabläufe wären. Da kann ja sonst schließlich jeder kommen und einen Kabelschaden vortäuschen!

Immerhin wurde meine Mobilnummer notiert, damit der Techniker sich da melden kann. Die Dame verabschiedet sich mit den tröstenden Worten: „Wenn das wirklich ein zertrenntes Kabel ist, kann das schon mal 2 Wochen dauern“.

18. März, 09:30

Anruf bei Vodafone, um den Fehler auch dort zu melden. Ähnliche Telefoncomputerprozedur, wie bei der Telekom, allerdings hier in immerhin nur 5 Schritten. Nette Mitarbeiterin mit Berliner Akzent (gut, ich gebe zu, dass sie damit bei mir ollem Berliner sofort gepunktet hat), die die Störung aufnimmt und eine Rufumleitung einrichtet. Auf meine Frage, ob man da temporär mit dem Internet irgendetwas machen könne, der Hinweis, dass ich ja einen Firmenkundenanschluss habe und ich doch noch einmal bei der Firmenkundenbetreuung anrufen solle, weil die da mehr Möglichkeiten hätten.

Regiehinweis: Der Hauptdarsteller holt ein Stromkabel, weil der Akku seines iPhone sich bereits bedenklich leert und macht es sich mit belegten Broten und einer Kanne Tee auf der Leiter bequem.

18. März, 10:00

Anruf bei Vodafone – diesmal die -1234 statt der -1212 – um mit der Firmenkundenbetreuung Optionen zu wälzen. Telefoncomputerterror. Als endlich die Mitarbeiterin an der Leitung ist, hebe ich an:

„Ja hallo, ich habe eben schon mit Ihrer Kollegin aus dem Privatkundenbereich gesprochen und die hat mich an Sie verwiesen, und…“
Die Mitarbeiterin unterbricht mich mit den Worten
„Ich möchte sie nicht unterbrechen“ (soweit dazu) „aber sie sind hier wieder in die Privatkundenbetreuung durchgestellt worden. Ich sehe aber, dass Sie die richtige Nummer gewählt haben und stelle Sie gleich mal durch.“
3 Minuten mit der kleinen Nachtmusik und dann – endlich! – die Firmenkundenbetreuung von Vodafone.

Die Dame da (auch mit Berliner Akzent; das Call Center scheint irgendwo in der Hauptstadt zu sitzen) war nun das erste positive Highlight des Tages. Mit zartrauchiger Stimme (kennt ihr noch Susi aus Herzblatt?) teilt sie mein Leid und prüft noch einmal die Leitung („das scheint wirklich ein Kabelfehler zu sein“). Auf mein Internetproblem angesprochen fragt sie, ob ich mobil auch Vodafonekunde sei, dann könne sie mir einfach die Internetnutzung kostenlos und ungedrosselt freischalten. Bin ich leider nicht. Treppenwitz: Mobil bin ich seit Ewigkeiten Telekomkunde. Sie bedauert das ebenfalls und bietet mir an, dass ich mir einen Datenstick eines beliebigen Anbieters kaufen und die Rechnung einreichen soll. Schließlich bietet sie noch von sich aus an, sich den Vorgang auf Wiedervorlage zu legen, um mir Bescheid zu geben, sobald sich etwas täte. Ich verwerfe den kurzen Gedanken, sie anlässlich meines nächsten Berlinbesuchs zum Essen einzuladen und verabschiede mich schweren Herzens.

18. März, 15:00

Der Zustand absoluter Abschottung von der Außenwelt ist ebenso ungewohnt (selbst in entfernten Urlaubsgebieten gibt es mittlerweile an jeder Ecke Free WiFi), wie ärgerlich. Speziell dann, wenn man im Homeoffice arbeitet und auf das Internet angewiesen ist. Gesteigert wird diese Ärgerlichkeit noch dadurch, dass Kunden, die versuchen, einen telefonisch zu erreichen, mit der Ansage „der gewünschte Gesprächspartner ist momentan nicht erreichbar“ abgespeist werden. Das macht nur so einen, sagen wir mal „semiprofessionellen“ Eindruck.

Deswegen ein erneuter Anruf bei der Telekom (Leiter, Telefoncomputer, Sachsenpaula), um zu erfragen, wo denn nun der Techniker bliebe, der sich bei mir ankündigen wolle (in weiser Voraussicht lag das Mobiltelefon die ganze Zeit empfangsbereit auf der Leiter!).

„Der Techniker war schon da und hat den Knotenpunkt durchgemessen. Da wurde nichts festgestellt“
„Das kann aber nicht sein“
„Das sehe ich aber hier so auf dem Computer. Sie sind auch der einzige Kunde in dem Bezirk, der hier eine Störung gemeldet hat. Wir schicken Ihnen morgen zwischen 08:00 und 12:00 einen Techniker vorbei. Da muss aber jemand da sein, damit der an den Hausanschluss kann“.

Regieanweisung: Äußerste Rat- und Hoffnungslosigkeit des Hauptdarstellers. Selbiger ab, um sich mit dem Nachbarn zu beratschlagen.

4. Akt – der nörgelnde Nachwuchs

18. März, 16:00

Auf dem Rückweg vom Krisengipfel mit dem Nachbarn (Motto: geteilte Ratlosigkeit ist halbe Ratlosigkeit) begegnet mir am heimischen Gartentor die Tochter, die mir – das mobile Endgerät am ausgestreckten Arm in die Luft streckend – mit wutverzerrter Stimme entgegenzischt „WAS. IST. MIT. DEM. INTERNET?“.

Nun muss man erklären, dass ich aus rein pädagogischen Gründen dazu übergegangen bin, ab und an  den Zugang des Nachwuchses zum WWW zu drosseln, was einen generellen Ausgansverdacht durchaus rechtfertigen mag – in diesem Fall konnte ich jedoch komplett und in vollem Umfang auf „Nicht schuldig“ plädieren und dies auch noch mit aktuellem Bildmaterial belegen.

„Und wie lange bleibt das jetzt so? Kein Telefon und kein Internet?“
„Sachsenpaula meinte, dass könne bis zu 2 Wochen dauern“

Der Ausdruck der Verzweiflung im sonst so anmutigen Antlitz des Teenagers ist nicht in Worte zu fassen.

Zurück im Garten erblicke ich Junior, der auf meiner Leiter stehend versucht, Kontakt mit der Umwelt aufzunehmen. Mag es denn für mich als selbstständig Arbeitenden ein Problem sein, wenn mich meine Kunden nicht erreichen und ich zur Arbeitslosigkeit verdammt bin – für meine Digital Natives ist es die schiere Katastrophe. Das blanke Entsetzen. Schlimmer als jeder Horrorfilm.

Den restlichen Tag verbrachten die beiden Nachwüchse damit, im Schneidersitz zusammengekauert autistisch den Kopf hin und her zu wiegen und laut zu schluchzen.

5. Akt – Gemeinsam sind wir stark

18. März, 19:00

Der Kommunikationshochsitz auf der Gartenleiter ist mittlerweile sehr begehrt. Ich gebe ihn nur ungern auf und vertreibe mir die Zeit zwischen den Telefonaten mit dem Freistaat Sachen (mir sind die „Home of the Telekom“-Schilder an den Landesgrenzen wohl nur noch nie aufgefallen) auf Twitter:

telekomhilftnicht

Die freundlichen Jungs von @Telekom_hilft verwiesen mich erst einmal auf ein Schadensaufnahmeformular. Nun gut – der Schaden war zwar bereits so um die zehn mal aufgenommen, aber man lässt ja nichts unversucht.

Gerade, als der Ruf der Natur (die Kanne Tee!) mich dann doch einmal zwang, meine Leiter zu verlassen, rief der Telekom Twitterservice tatsächlich zeitnah an. Und nachdem er mich nicht erreichte, doch tatsächlich gleich noch einmal. Zum ersten mal hatte ich den Eindruck, dass mein Problem als (vermeintlicher) Telekomkunde bei der Telekom eventuell doch jemanden interessieren könnte.

Der Telekommitarbeiter sprach gewähltes Hochdeutsch (Twitter ist vielleicht in Sachsen noch nicht so ganz angekommen), zeigte Verständnis für mein Problem und versicherte mir, jetzt auf meiner Schadensmeldung zu vermerken, dass es sich um ein Kabelproblem handle. Problematisch sei, dass ich nach wie vor der einzige Kunde sei, der den Schaden gemeldet habe (zu diesem Zeitpunkt hatte ich den Schaden bereits in meinem Namen bei Vodafone und im Namen meines Nachbarn bei der Telekom gemeldet. Darüberhinaus erfuhr ich später von der anderen Nachbarin – inkl. Ticketnummer –  dass diese den Schaden bereits Vormittags gemeldet hat. Last not least hatten die Bauarbeiter den Schaden ebenfalls gemeldet).

Mein geplanter Champions League Abend begann nun also damit, dass ich als Ein-Mann-Dreikönigssinger von Nachbarhaus zu Nachbarhaus zog, die Rufnummer der Telekom-Störungsstelle hinterließ und dringend um Anruf bat.

Alles nicht so schön!

6. Akt – Das Exil

19. März, 08:00

Habt ihr schon einmal einen Tag auf einer Ausziehleiter verbracht? Ich wünsche es euch nicht! Du wachst mit schmerzenden Gliedern auf und hast am ganzen Körper blaue Flecken. Noch einen Vormittag da oben den Gezeiten ausgesetzt zu verbringen war keine Option. Kurz entschlossen wurden Laptop und Unterlagen eingepackt und in die Sportkneipe der nahegelegenen Tennisanlage verfrachtet, wo ich beim Besitzer vorsprach und um WLAN-Asyl bat, das mir auch sofort gewährt wurde (da sage noch mal einer, in Bayern hätten Asylsuchende keine Chance!). In ausgesprochen kuscheligem Ambiente konnte ich dann also bis Mittags arbeiten. Schön ruhig war’s

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Um 10:30 klingelte das Handy, das Display zeigte die mittlerweile sehr gut vertraute 0800-Nummer der Telekom Störungsstelle. Der Techniker, der sich vor seinem Besuch ankündigen wollte, meldete sich mit der Mitteilung, dass er jetzt vor Ort gewesen sei. Er habe das Problem jetzt eindeutig identifiziert – in der Straße sei bei Bauarbeiten das Kabel zerrissen worden…

7. und letzter Akt – Bin ich schon drin?

19. März, 12:00

Gegen Mittag wurde es dann im Limones voll – die umliegenden Bürohengste kamen zum Essen. Zu voll zum Arbeiten auf jeden Fall. Also schnell noch die Gelegenheit genutzt, und mal wieder bei 0800-Telekom angerufen, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Die 15 Minuten Telefoncomputer-Ansagen konnte ich bereits rosenkranzartig mitbeten. Freundlich wurde mir mitgeteilt, dass es sich um einen Kabelbruch handele (aha!), man aber darüber hinaus nichts sagen könne, weil das nicht in der Zuständigkeit der Technikerdisposition läge, sondern in der Zuständigkeit der Bauabteilung. Und es sei ja schließlich Freitag Mittag…

Als gebrochener Mann trank ich einen letzten Espresso und verließ den Sportpark, um mir ein nettes stabiles Bäumchen zu suchen, an dem ich mich aufhängen könnte.

Auf dem Heimweg stand 3 Häuser vor dem meinen an der Baustelle … ein Kastenwagen der Telekom. In der Baugrube ein Techniker, der offenkundig auch arbeitete. Mit quietschenden Reifen bremse ich mein Auto, springe aus dem Wagen und umarme den Techniker, der mich aber gleich mit folgenden Worten bremst: „Is schwierig. Kabel zerfetzt“ (zeigt auf das zerfetzte Kabel) „Geht so nicht. Muss Bagger kommen. Hoffentlich heute“.

Nachdenklich fuhr ich die paar Meter weiter, parkte den Wagen und betrat das Haus. Ging es nicht früher auch wunderbar, so ohne Internet und mit einem Bakelit-Telefon, dessen Samtkabel fest in der Wand verankert war? Handelte es sich vielleicht um eine Prüfung des Herrn? Opfert man heute Telefon und Internet, wo früher noch der Erstgeborene herhalten musste?

19. März, 15:06

*Ping!* Ein kurzer heller Glockenklang reißt mich aus meinen Gedanken. Was war denn das? Es klang so vertraut und gleichzeitig so weit weg. 5 Minuten später wieder: *Ping*. Das ist doch… Das ist doch… Ich springe auf und greife mit zitternden Händen mein Tablet. Und siehe da: Neue Nachrichten! Internet!

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Epilog

31 Stunden. Unter dem Strich hat die Telekom angesichts der Tatsache, dass es doch eines relativ hohen logistischen Aufwands bedurfte, um das Problem zu beheben, einigermaßen schnell reagiert. Die Kommunikation in meine Richtung (a.k.a. „Kunde“) war allerdings absolut unterirdisch. Obwohl diverse Schadensmeldungen vorlagen, waren diese nicht bekannt. Obwohl klar ein Kabelschaden gemeldet war, sollte ein Techniker den Hausanschluss prüfen. Nach über 24 Stunden bekomme ich einen Anruf, der mit das mitteilt, was ich am Tag vorher gemeldet habe. Am schlimmsten war die absolute Unfähigkeit irgendeine Art von Auskunft über den weiteren Ablauf zu geben. Hat Nerven gekostet. Gottseidank besitze ich eine Leiter!

Das digitale Dilemma

Der von mir hoch geschätzte Johnny Haeusler hat mit einer Kolumne in Wired viel Staub aufgewirbelt. Kernthese: Verlage, macht eure Websites dicht! Es folgte natürlich ein großer Aufruhr in der Medienwelt. Nachdem das Thema mich ja seit langem verfolgt, habe ich einmal (was ich sonst grundsätzlich nie tue) zur virtuellen Feder gegriffen und einen Kommentar geschrieben. Bittesehr:

Die geschilderte Ausgangssituation kann wohl jeder unterschreiben, der seine Kinder und deren Freunde bei der Mediennutzung beobachtet und/oder selbst viel im Netz unterwegs ist. Da wird schon lange nicht mehr nach dem Motto „ist ja alles so schön bunt hier“ von Website zu Website „gesurft“, sondern es werden ganz gezielt die Häfen angesteuert, in denen man seinen vertrauten Liegeplatz hat.

Letztes Jahr habe ich einige Panels zum Thema „Mediennutzung“ mit Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft durchgeführt und das Ergebnis war ziemlich eindeutig: Viele hatten gar keinen Fernseher mehr, sondern streamten nur noch; die Nachrichten kamen überwiegend über die sozialen Netze (bevorzugt Facebook, bei Studenten auch öfter mal Twitter) ins Haus.

Was deine Ausgangslage darüber hinaus stützt, ist die mittlerweile statistisch belegte Tatsache, dass sich das Mediennutzungsverhalten über die Jahre hinweg kaum ändert. Der insbesondere von Zeitungsverlegern gerne geäußerte Satz „die kommen schon noch ins Alter für die Zeitung“ stimmt schlicht und ergreifend nicht. Wer digital aufwächst, wird auch digital alt! Da kann sich durchaus das bevorzugte Social Network einmal ändern, ein Digital Native wirft aber nicht plötzlich das Tablet in die Ecke und raschelt mit Papierseiten.

Das haben nun nach langem und zähem Sträuben auch die Verleger erkannt und stecken viel Geld und Mühe in den Betrieb ihrer digitalen Angebote, um ihre Nachrichten auch weiterhin an den Empfänger zu bringen – und das auch noch unter verschärften Bedingungen, denn zum einen ist der Wettbewerb immens (so mancher Blogger meines Vertrauens muss sich nicht hinter professionellen Redakteuren verstecken), zum anderen erhalten Verlage für ihre digitalen Angebote nur einen Bruchteil der Vertriebs- und Anzeigenerlöse, die sie aus den guten alten Print-Zeiten gewohnt sind.

Nun sind aber auch Verlage Wirtschaftsunternehmen und müssen mit dem, was sie da tun, Geld verdienen. Und genau das ist der Punkt, wo ich Schwierigkeiten mit der Handlungsempfehlung habe, die Du aus der so treffsicher beschriebenen Ausgangslage ziehst: „Reduziert eure Wertschöpfungstiefe, Verlage! Werdet Zulieferbetriebe!“.

Aus meiner Sicht kann Dein Vorschlag aus folgenden drei Gründen nicht funktionieren:

1. Die Kraft der Marke
Der ideelle und wirtschaftliche Wert einer Nachricht – also sowohl deren Glaubwürdigkeit, als auch das Geld, das sich mit dem Verkauf der Nachricht verdienen lässt – steht und fällt mit der Qualität des Absenders. Wenn dpa, SZ oder Spiegel etwas veröffentlichen, nimmt man das anders wahr, als wenn es aus irgendeiner ominösen Quelle stammt, die sich nicht wirklich nachvollziehen lässt. Das haben gottseidank auch Deine und meine Kinder mittlerweile glasklar erkannt. Unterm Strich geht es also um Kraft der Marke, was Du ja auch selber bestätigst, wenn Du schreibst „Die generelle Funktion von Verlagen und Marken als vertrauenswürdige Absender und Kuratoren wird also keineswegs überflüssig“. Nachdem sie ihr Informationsmonopol verloren haben, bleiben den Verlagen als Kernkompetenzen nur noch ihre ausgebildeten Redaktionen und ihre Marken. Wie sollen sie ihre Marken stärken, wenn sie bestenfalls noch im Co-Branding auftauchen?

2. Der Geiz der Social Networks
Google, Facebook & Co verbreiten zwar liebend gerne den Content anderer Quellen, weil es ihre Reichweite befördert, aber sie zahlen nicht dafür. Und sie sind mittlerweile so stark, dass sie diese Position auch durchsetzen können. Jüngstes Beispiel ist das Einknicken der VG Media (Zusammenschluss der wichtigen deutschen Verlage), die gegen die unentgeltliche Nutzung ihrer Inhalte durch Google vorgehen sollte. Am Ende des Tages haben die Verlage gegenüber Google eine widerrufliche ‘Gratiseinwilligung’ in die unentgeltliche Nutzung ihrer Presseerzeugnisse abgegeben. Begründung: “Die VG Media Presseverleger sehen sich angesichts der überwältigenden Marktmacht von Google zu diesem außergewöhnlichen Schritt gezwungen”. Natürlich brauchen Facebook, Snapchat und Co. den Content der verlinkten Sites – die Abhängigkeit ist gegenseitig. Jeff Bezos hat sicherlich nicht ohne Hintergedanken 250 Mio. $ für die Washington Post auf den Tisch gelegt (die übrigens auch immer noch eine Website betreibt). Aber dass sie, wie Du schreibst „genauso wie die alten Nachrichtenkanäle agieren und in naher Zukunft professionelle Content-Lieferanten bezahlen werden“ halte ich für sehr, sehr unwahrscheinlich.

3. Die Penunze
In Ansätzen funktioniert bezahlter digitaler Journalismus bereits. Es sind ebenso seltene, wie fragile Ansätze, aber immerhin. Der gesichtsbehaarte Chefredakteur wird nicht müde, mit den 200.000 digitalen Abonnenten seiner fragwürdigen Publikation zu prahlen. Das Wall Street Journal hat über 900.000 digitale Subscriber, die jeden Monat 22$ zahlen. Die Paywalls schießen aktuell wie Pilze aus dem Boden. Auch als digitales Werbeumfeld mit hochwertigen Zielgruppen funktionieren die Verlagswebsites. Soll man da jetzt wirklich die Tür abschließen und den Schlüssel wegwerfen?

Ich teile also die von Dir geschilderte Ausgangssituation voll und ganz, komme aber zum genau gegenteiligen Schluss: Verlage, baut Eure Websites aus! Der direkte Kontakt mit dem Leser ist für Verlage überlebenswichtig. Exklusive, gut recherchierte und interessante Nachrichten einfach auf einen Cloudserver mit thesaurierten xml-Dateien zu stellen, würde den Markenwert der Verlage vernichten, die Einnahmen deutlich reduzieren und auf Sicht zum großen Redaktionssterben führen.

Cluburlaub. The Horror!

Nachdem ich mich jahrelang – ach was: jahrzehntelang erfolgreich dagegen gewehrt habe, hat meine Holde nunmehr einen so fantastischen Freundschaftspreis in einem dieser Clubs ergattert, dass ich nurmehr qualitative, jedoch keinerlei quantitativen Gegenargumente mehr aufbringen konnte, und mich letztlich geschlagen gab. Cluburlaub also. Nach einer sehr (!) relaxten Woche auf einem kleinen Schiff entlang der Türkischen Küste (ich kann Schiff und Kapitän nur wärmstens empfehlen und gebe gerne die Kontaktdaten weiter) landeten wir also schlussendlich im Robinson Club Sarigerme.

Meine festgefahrenen Vorurteile: In Clubs gehen dir gutgelaunte Ronald Mac Donalds so lange auf die Nüsse, bis du dir entnervt eine Poolnudel schnappst und die Aquagymnastik mitmachst. Um es vorwegzunehmen: Das war nicht der Fall. Es war nicht so schlimm, sondern anders schlimm.
So ein Club ist ein kleines Stück Deutschland in der großen weiten Welt. Man spricht Deutsch, trinkt deutsch und verhält sich deutsch. So werden bspw. die ersten Handtücher gegen 06 Uhr morgens ausgeworfen – ab 07:30 ist der Strand mit TUI-blauem Frottee gepflastert.
Der typische Cluburlauber sucht sich das Urlaubsziel nicht nach der Attraktivität des bereisten Landes aus, sondern nach dem Sportangebot seines Clubs – oft weiß er nach 2-3 Tagen gar nicht mehr, in welchem Land er sich eigentlich befindet, weil er ausschließlich in Clubs Urlaub macht, und die sehen ja alle gleich aus. Gewiefte Clubberer können allerdings aus den Namensschildchen des einheimischen Putz- und Buffetpersonals immerhin Rückschlüsse auf den Kontinent ziehen, auf dem sie sich gerade befinden.

In „unserem“ Club gab es zweierlei Besucherkategorien:

1.: Die Älteren: Die Älteren waren so zwischen 40 und 70 Jahre alt. Die Männer überwiegend Chefarzt, Steuer- oder Unternehmensberater. Golf und Tennis. Oder Katamaran. Die Frauen jeweils die Ehefrauen der Männer (bei sehr großem Altersunterschied vermutlich Sprechstundenhilfe oder Assistenzkraft).

2.: Die Jüngeren: Extrem durchtrainierte, gutaussehende, smarte Männer in Begleitung von Top-Models in Stringtangas oder Fitnesstrainerinnen in Hot Pants. Der bloße Anblick ließ mich verschämt den Blick auf meine Wampe richten und rot anlaufen. Nicht schön!

Altersunabhängig kleidet der Herr sich durchgängig in unglaublich sympathiegeladene Marken wie Hollister, Camp David, Ralph Lauren oder Abercrombie&Fitch. Wichtig jeweils der aufgestellte Polohemdkragen. Die Marken der von den Ladies getragenen Stringtangas konnte ich ohne Lesebrille leider nicht identifizieren.

Der Cluburlauber fährt in den Club, um im Urlaub keine Sehnsucht nach dem heimischen Fitness-Center aufkommen zu lassen. Unser Club hatte 9 Stockwerke und erinnerte ein wenig an die sozialistischen Prachtbauten entlang der Frankfurter Allee. Neben den Wohnetagen gab es eine „Wellfit-Ebene“, eine „Body und Soul Ebene“, eine „Spa Ebene“, eine „WWF Mudwrestling & Fight Club Ebene“, eine Bogenschießanlage, 20 Tennisplätze, ein riesengroßes Wassersportcenter und eine Poolnudelcorner. Dumm nur, wenn man, wie wir, am falschen Tag anreist und die entsprechenden Einweisungskurse verpasst. Dann darf man nämlich weder am Bogenschießen, noch am Wassersport teilnehmen und muss 2-3 Tage warten, bis der nächste Kurs beginnt. Cluburlaub ist Fitnesstraining bei 40 Grad im Schatten! Und anschließend: Essen!

Das Essen! Die vielen verbrannten Kalorien wollen ja wieder irgendwie zurückkehren. Deswegen kann man im Club den ganzen Tag essen: Frühstück von 7:00-11:00, Mittagessen ab 12:00 im Hauptrestaurant, an der Poolbar und an der Strandbar, dann der Nachmittagssnack, das Abendessen, der Mitternachtssnack. Buffets so groß, dass sie sich am Horizont verlieren. Schade nur, dass das Hauptrestaurant im 4. Stockwerk des Plattenbaus liegt und Charme und Akustik einer Aussegnungshalle hat. Will man in einem der kleineren Restaurants unter freiem Himmel essen, zahlt man zum eh schon happigen All Inclusive-Preis noch einmal um die 25 Euro (pro Person) dazu. Selbst auf die zum Hauptrestaurant gehörige Terrasse kommt man nur, wenn man eine Flasche Wein ordert (und bezahlt), obwohl recht gute Weine im Preis inbegriffen sind.

Überhaupt: „All Inclusive“ ist nur so eine Halbwahrheit. Nicht nur bei den Restaurants zahlt man auf, wenn man es netter haben möchte, auch die morgendliche Radtour wird nur gegen Geld angeboten. Surfboards und Katamarane darf ich zwar kostenlos leihen, aber nur wenn ich einen offiziellen VDWS-Schein vorweisen kann. Falls nicht, muss ich einen Kurs mitmachen, der mich wieder ca. 200 EUR kostet. Fährt einer der „Robins“ vom Wassersportzentrum mit einem aus, so kostet das 30 EUR. Und zwar nicht für den Kat, sondern pro Person! Trainerstunden beim Tennis kosten happig extra. Ein kostenloses Gruppentraining gibt es nicht. Usw. Usw. Nutzt man diese kostenpflichtigen Angebote ausgiebig, kommt schnell noch mal ein vierstelliger Betrag auf den „All Inclusive“ Preis oben drauf.

Ein Bericht über einen Cluburlaub wäre natürlich vollkommen unvollständig ohne eine kurze Bemerkung über das Abendprogramm. Die freundlichen Animateure sind ja alle auch Tänzer, Schauspieler, Sänger und Akrobaten und jeden Abend wird eine Show aufgeführt. Wir waren nur bei einer Show, die war aber erstaunlich gut (angelehnt an Stomp, Blue Man Group & Co). Nach Beendigung der Showtime wird auf dem „Schachbrett“ (die türkische Übersetzung gefiel mir besser: „Dans Pisti“) der Clubtanz vor- bzw. aufgeführt. Den kann man nicht beschreiben. Den muss man gesehen haben. Ich werde das jetzt morgens in der Firma einführen, fürs Wir-Gefühl.

Nach dem Clubtanz ist man dann dem freundlichen sächsischen Chefanimateur Patrik ausgeliefert. Club heißt ja Wir-Gefühl, deswegen ist es absolut nicht vorgesehen, sich der Party zu entziehen und irgendwo nett ein Glas Wein zu trinken, mit den Kids Karten zu spielen oder zu lesen. Vielmehr soll man sich rund um die Tanzpiste scharen, auf der jeden ! verdammten ! Abend ! irgendwann Helene Fischer mit „Atemlos durch die Nacht“ gespielt wurde. Psychoterror!

Fazit: Wer gerne reist, um Land und Leute kennen zu lernen, wer auch einmal mit unvorhergesehenen Geschehnissen umgehen kann und möchte, wer kleine, schnuckelige lokale Restaurants und Cafés kennen lernen möchte, der ist im Club falsch. Wer gerne Sport treibt, isst und jeden Abend Party machen möchte, es dabei schön warm haben will und auf jeden Fall Deutsche Sitten und Tugenden nicht daheim lassen möchte, der ist im Club sicherlich gut aufgehoben.

Istanbul united

Weil es überall ja derzeit nur um Fußball geht, schreibe ich gegen den Trend einmal eine Filmrezension. Derzeit laufen nämlich die Filmfestspiele in München, und da war ich heute bei der Deutschlandpremiere von Istanbul United, einem Film von Farid Eslam und Olli Waldhauer

Ein Dokumentarfilm über Kameradschaft in schwierigen politischen Zeiten, über Hass zwischen rivalisierenden Gruppen, über den türkischen Frühling, Taksim und die Protestbewegung. Und über Ultras. Ein beeindruckender Film.

Die erste halbe Stunde des Films zeigt fast nur Bilder aus den Kurven der 3 großen türkischen Vereine Besiktas, Galatasaray und Fenerbahce, das Zusammenhaltsgefühl, die gemeinsamen Emotionen, Corteos, Fangesänge. Man sieht nie etwas vom Spiel, die Kamera ist immer mitten in der Kurve zwischen den Ultras. Führende Mitglieder der jeweiligen Ultragruppierungen werden vorgestellt und berichten über ihren „Werdegang“ vom Kind, das mit dem Vater zum Fußball ging hin zum fanatischen Fan.

Die zweite halbe Stunde zeigt den ungebremsten Hass zwischen den Anhängern der Vereine. Krasse Aussagen und Zitate. Ein türkischer Sportjournalist berichtet über eine Messerstecherei zwischen Ultras, bei der ein 17-Jähriger ums Leben kam. Üble Jagdszenen auf den Straßen werden gezeigt.

Und dann der eigentliche Aufhänger des Films – die Proteste auf dem Taksim Platz und im Gezi Park. Das menschenverachtende, faschistoide Vorgehen der Polizei und des (immer noch regierenden) Türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Die Filmemacher waren live dabei und haben in den Tränengaswolken gefilmt.

Und dann ein kleines Wunder: Die drei verfeindeten Fangruppen marschieren gemeinsam auf dem Taksim ein und unterstützen die Protestierenden. Schulter an Schulter. Tränengas- und Polizeiprügelerfahren. Ein typischer Fangesang aller drei Vereine wird immer wieder skandiert: „Nehmt Eure Helme ab, werft eure Schlagstöcke weg, und dann sehen wir, wer gewinnt!“. Ein bisschen wie bei John Wayne, wenn die Kavallerie einreitet. Echte Gänsehautmomente. Gegen die Feindschaft der Vereine in Istanbul sind Schalke und BVB ein Liebespaar – und dann singen die gemeinsam.

Nun, das Ende der Geschichte ist ja bekannt. Herr Erdogan hat seine Truppen forciert und die Demokratie vom Taksim vertrieben – aber in der Türkei hat sich etwas verändert. In den Stadien wird von allen Anhängern immer wieder „Überall ist Taksim, überall ist Widerstand!“ skandiert.

Der Film endet mit dem ersten Derby zwischen Besiktas und Galatasaray nach dem Protest, ein Derby, das im Chaos endete. Besiktas lag mit 1:2 im Rückstand, es war die dritte Minute der Nachspielzeit, als der Galatasaray-Spieler Felipe Melo ein Foul beging und die Rote Karte sah. Während das Publikum Slogans der Gezi-Protestbewegung brüllte, stürmten Hunderte mit Plastikstühlen und Fahnenstangen das Spielfeld. Spieler und Schiedsrichter flüchteten in die Kabinen. Polizei zog auf und schoss (wieder einmal) mit Tränengas. Die Besiktas-Ultras („Carsi“) sind die einzigen der drei Fangruppierungen, die sich offiziell zum Gezi-Protest bekannten und werden von Erdogan seitdem als Terroristen verfolgt. Der im Film gezeigte Capo wurde mit als erster verhaftet.

Farid Eslam und Olli Waldhauer haben hinterher noch ausgesprochen interessant aus dem Nähkästchen geplaudert. Darüber, dass man schlechterdings nicht mit Gasmasken in Istanbul einreisen konnte und deswegen mit Taucherbrillen und Lackierermasken gefilmt hat. Die Brillen halfen, die Masken nicht. Man hört im Film öfters mal Eslam hinter der Kamera kotzen. Man gewöhne sich aber mit der Zeit an das Tränengas, sagte er. Regisseur Eslam musste selbst filmen, weil der istanbuler Kameramann am ersten Tag bereits verhaftet wurde und dann vier Tage hinter Gittern saß. Auf die Frage aus dem Publikum, ob die Polizei denn nicht versucht hätte, zu verhindern, dass die Gewaltszenen gefilmt werden meinte Waldhauser trocken: Doch, wir sind eben sehr viel gerannt in den Tagen vor Ort.

In der Q&A-Runde berichteten die beiden Filmemacher auch über ihre jeweilige Motivation, den Film zu machen. Eslam (deutschstämmiger Türke, der allerdings nie in der Türkei lebte) ging es darum, die Protestbewegung aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu zeigen. Waldhauer ist hardcore Fußballfan (eines Kölner Vereins) und ihm ging es darum, die Geschichte aus Sicht der Ultras zu zeigen (als die Moderatorin der Fragerunde dann berichtete, dass er FC-Fan ist, erklärte sich mir auch der FC-Wimpel, der am Arbeitsplatz des Galatasaray-Capos hing 😉 ).

Last not least: Das Publikum passte zum Film. München United. Die Cosa Nostra saß friedlich hinter der Schickeria.

Wer sich für gute Dokus (nagutttäh – und vielleicht ein kleines bisschen für Fußballszene) interessiert, sollte da hingehen. Der läuft im Herbst hier an!

Kreuzfahrt des Grauens

Wie schön, wenn man von sich behaupten kann, keine Vorurteile zu haben, sondern feststellen kann, dass man lediglich die Realität richtig einschätzte. Mein Vorurteil: Kreuzfahrten sind für Viele etwas Wunderbares, aber nicht für mich. Die Realität: In Zukunft definitiv ohne mich!

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Glaubt nicht, dass ich freiwillig auf diesen Pott ging – man hat mich verschleppt! Familiärer Gruppendruck. Unschlagbares Angebot für Reisebüroangestellte (die Holde). Zu Hause bleiben ja mindestens genauso teuer. Auch mal was für die Familie machen, nicht immer nur Tauchen. Die Kinder wollen auch mal. Und so.

Ort des Grauens: Eines der hässlichsten mir bekannten Kreuzfahrtschiffe: „Mein Schiff“. Nicht „Die Europa“, „die QE2“ oder „die Hanseatic“ –kein stolzer Oceanliner mit Tradition und schlanker Wasserlinie, nicht einmal „Die Mein Schiff“ sondern einfach „Mein Schiff“ (Trivia: der Name ist Ergebnis eines Publikumswettbewerbs in der BUNTE – das Schiff wurde von Ina Müller getauft). Ein schwimmender Schuhkarton mit quadratisch-verbautem Hinterteil (ein sog. „Ducktail“).

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Der Name ist Programm. Ein hässlicher Pott mit blauem Anstrich, auf den wahllos graffittiartig Substantive wie „Sonnenuntergang“ und „Wohlfühlen“ geklatscht wurden. 265 Meter Länge, 77.000 BRZ, 2.000 Passagiere, 800 Crew. Ein Hotelbunker mit Auftrieb und Balkonkabinen. Das war übrigens nicht immer so. Die Mein Schiff hieß früher Galaxy und hatte weder Balkone, noch einen Quadratarsch. Das kam alles erst im Umbau dazu – etwa so, als brächte man an einem Ferrari eine Anhängerkupplung und eine Dachreling an.

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Der klassische Kreuzfahrer, wie man ihn aus älteren Schwarzweißfilmen noch kennt – distinguierte Herrschaften mit blauem Goldknopf-Blazer, weißen Hosen und Stock im Arsch tagsüber und dunklem Anzug und Besenstiel im Arsch abends – ist eine ebenso betuchte, wie aussterbende Spezies. Mit offensichtlich gigantischem Erfolg werden neue Zielgruppen für das Kreuzfahren erschlossen, deren geringere Pro-Kopf-Kaufkraft durch Menge mal Marge kompensiert werden muss. Deswegen werden die Schiffe immer größer (das derzeit größte Kreuzfahrtschiff, die Oasis of The Seas, ist mit 390 Metern etwa 100 Meter länger, als die Titanic seinerzeit war), transportieren immer größere Menschenmassen und bieten immer ausgefallenere Vergnügungen – von der Kletterwand am Schornstein bis hin zur Panoramasauna mit Blick auf die offene See (wie ich sie auf Meinschiff genießen durfte). Und das Konzept ist mehr als erfolgreich. Nach der AIDA ging die AIDA 2 vom Stapel, die Meinschiff 2 fährt bereits, Nummer 3 ist im Bau. Immer größer, immer breiter, immer mehr Passagiere und noch viel mehr Spaß an Bord, als auf den jeweiligen Vorgängern.

In stillen Momenten wünschte ich mir das noch in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts gängige Mehrklassenkonzept mit seinen separaten Decks und Bereichen zurück, das nun von einem geradezu kommunistisch anmutenden Konzept abgelöst wurde. Jeder darf überall alles tun, was er will. So wird dann in der kuscheligen Lounge auch einmal das Kleinkind von der Scheiße befreit, in den Hängematten toben Horden schreiender Gören, tatternde Rentner und tätowierte Schalkefans belegen alle verfügbaren Liegestühle oder Sitzplätze früh und dauerhaft.

In den Herbstferien bestand der Großteil der Passagiere aus Familien mit gefühlten Hundertschaften nölender Kleinkinder und Nordrhein-Westfälischen Proleten. All-Inclusive-Unteremittelschichturlaub in vermeintlichem Luxusambiente. Selbst der gehobenere Alkohol ist ebenso massenhaft wie kostenlos vorhanden und trägt das seine zur gelockerten Atmosphäre bei. Cocktailalarm. „Mach ma Fotto, Erwin. Dat is allet so schön hier und bring noch Colarum mit, is ja allet Umme“. Selten auch wurde in meiner Umgebung so viel und so rücksichtslos gequalmt, wie in der vergangenen Woche. Ist ja auch ein gewisser Indikator, nicht wahr?

Beschweren darf man sich darüber natürlich nicht! Die Zustände sind absolut prognostizierbar, wenn man einigermaßen geübt im Übertragen des Reisekatalogsprechs in normales Deutsch ist. Begriffe wie „Wohlfühlatmosphäre“ und „Individualrelaxen“ sollten den Individualurlauber, der sich gerne wohlfühlen möchte, da ausreichend warnen. Selbiger Individualurlauber würde es wohl auch strikt ablehnen, eine Woche in einem zwölfstöckigen Plattenbau mit 1.000 Zimmern und 2.000 Touristen zu urlauben, auch wenn dieser aufgrund ausreichenden Auftriebs in der Lage ist, sich auf dem Wasser von Hafen zu Hafen zu bewegen.

Auf einem solchen schwimmenden Vergnügungspark verbrachte ich also die vergangene Woche von Valetta über Piräus, Kusadasi, Mykonos und Catania zurück nach Valetta. Meine erste Kreuzfahrt, seit ich vor einer gefühlten Ewigkeit als kleiner Stöpsel meinen Vater, der Kreuzfahrten verkaufte, auf einigen solchen als stets jüngster an Bord befindlicher Passagier begleitete. Vielleicht resultiert mein Kulturschock auch aus dem direkten Vergleich.

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Was sich nicht geändert hat: Du läufst mit einem Cruise Liner (so nennen wir Experten das, weil ein gelegentlich eingestreuter Anglizismus gleich erheblich zur nautischen Authentizität beiträgt) in einen Hafen ein und nimmst gleich spanischen Conquestadores sogleich den gesamten Küstenstrich in Beschlag. Zweitausend Menschen ergießen sich lavaartig über die Hafenmole und sodann über das gesamte Land. In großen Häfen wie Piräus fällt das erst dann auf, wenn 3-4 Schiffe am Pier liegen, in kleinen Häfen wie Mykonos reicht schon ein mittelgroßes Schiff, um den Landgang unerträglich zu machen. Verbringt man als erfahrener Reisender seinen Urlaub in der Nähe eines solchen Hafens, ergreift man sofort die Flucht, sobald sich die Silhouette eines Kreuzfahrers am Horizont abzeichnet. Verbringt man seinen Urlaub hingegen an Bord, hat man wenige Alternativen: Auf dem Schiff bleiben und die Ruhe genießen (wobei es sich um eine sehr relative Ruhe handelt, weil die Landgänge der Passagiere regelmäßig für teils lautstarke, teils geruchsintensive Renovierungsarbeiten genutzt werden) oder sich als Bestandteil der Menschenmasse an Land ergießen.

Wie man nach Lektüre der vorangegangenen Absätze unschwer wird einschätzen können, war ich stets einigermaßen froh, das Schiff einmal verlassen zu können. Aufgrund meiner nunmehr bestätigten, seinerzeit aber noch vollkommen, dem eigentlichen Stamm des Begriffes entsprechenden Vorurteile, hielten wir dank generalstabsmäßiger Planung sofort großen Abstand zu den organisierten Landgängen. Mit geringem Aufwand und etwas Internetrecherche ist es möglich, die hochpreisigen, vom Schiff organisierten Touren individuell und für einen Bruchteil der aufgerufenen Kosten selber zu buchen. Einzig den Ausflug „Mit dem Fahrrad durch Athen“, der auf 12 Teilnehmer begrenzt war, habe ich über das Schiff gebucht. Der war auch sehr schön. Ansonsten ließen wir die Kolonnen der wartenden Reisebusse mit einem süffisanten Lächeln hinter uns und wurden von einem freundlichen einheimischen Guide in Empfang genommen, der sein Bestes tat, um die „crazy cruisers“ zu vermeiden.

An Bord – und speziell zu den Mahlzeiten – sind Geduld, Sprintqualität und Beharrungsvermögen hilfreiche Tugenden. So zum Beispiel, wenn man anlässlich des Frühstücks kein Stahlnapfrührei, sondern ein frisch zubereitetes Omelette ergattern möchte (1 Omelettestation – 2.000 Passagiere). Oder wenn man an einem der beliebten Oberdecktische im Freien (an dem ich gerade diese Zeilen schreibe), geschützt vor der Sonne sitzen möchte (12 Tische – 2.000 Passagiere). Ich werde diesen Tisch, den ich nach stundenlangem Warten und einem Sprint (den ich nur mit unfairen Mitteln gegen die nette ältere Dame gewann, indem ich ihr einen Liegestuhl samt Kleinkind vor den Rollator schleuderte) einmal in Beschlag nehmen durfte, bis morgen abend nicht mehr verlassen! Geduld, Antrittskraft und Beharrungsvermögen! Ich sage es euch!

Der blanke Horror sind die Seetage. Alles, was Beine hat, ist an Deck unterwegs, jeder Millimeter des Schiffes mit halbnackten Körpern gepflastert. In den drei Whirlpools an Deck kochen Kindersuppen. Das blanke Grauen!

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Das Essen an Bord ist natürlich gut und reichhaltig. Es gibt ein Buffet-Restaurant mit sehr viel gutem Zeugs, ein etwas feineres gesetztes Restaurant, in dem man aber 2 Stunden braucht, bis man durch die 5 Gänge durch ist (die ersten Menschen stehen da bereits eine Viertelstunde vor Öffnung an, um gute Plätze zu ergattern), eine Tapasbar und 3 weitere Restaurants (Sushi, Steak und Gourmet) in denen man allerdings auf das All-Inclusive noch einmal bis zu 100 EUR (Gourmet) aufzahlen muss, dafür allerdings dem großen Viehtrieb etwas entflieht.

Mein Fazit ist ganz eindeutig: Egal, ob das Konzept „AIDA“, „Mein Schiff“ oder „Wasauchimmer of the Seas“ heißt – all denjenigen von Euch, die sich auf engem Raum zwischen vielen unterschiedlichen Menschen sehr wohl fühlen (Erlebnisbäder, Robbie Williams-Konzerte, Flüchtlingslager) sei eine Kreuzfahrt auf der Meinschiff uneingeschränkt empfohlen. Alle anderen werden sich wohl im Bed & Breakfast wohler fühlen, auch wenn sie dann jedes einzelne Pint im Pub bezahlen müssen. Dat is dann nich allet inklusive, Erwin!

Flatraten in Togo

Immer mehr endemische Tierarten in bis dato von der Natur fein abgegrenzten Biotopen sind ja durch sogenannte Bioinvasoren bedroht. Fremde Tierarten, die teils absichtlich eingeführt wurden (wie die Karnickel in Australien), oder die sich teils im Bilgewasser der großen Pötte eingeschlichen haben und dann die heimischen Krebse und Fischlein schlicht verdrängen.

Ähnliches passiert seit Jahren mit der deutschen Sprache. Wir bekommen morgens unseren Wake Up Call, futtern mittags fröhlich unseren Hämbörger, rechnen nachmittags Business Pläne und chillen abends in der Lounge. Wenn ich mal wieder drohe aus der Haut zu fahren, weil Junior wieder mal mit Strafarbeit und Verweis vor der Tür steht, kommt überigens auch regelmäßig ein gelangweiltes „chill mal!“.

Schön und gut. Das ist aus meiner Sicht alles noch kein wirklicher Grund zur Beunruhigung. Sollte Herr Sarrazin Recht behalten, dann gibt es ja auf Sicht sowieso kaum noch Deutsche mit deutschem Hintergrund und wir reden irgendwann eine muntere Melange aus Türkisch, Arabisch und Englisch. Check? Check!

Aber gestern, auf dem Weg zur Wiesn, mitten in München (zugegebenermaßen im Untergrund) sah ich große Plakate der Marke BASE (sprich Bäyz), die übrigens der deutschen Firma E-Plus gehört, die wiederum aber schon seit einer Weile in holländischem Besitz ist (das nur am Rande). Da wurde in großen Lettern mitgeteilt, dass man bei BASE die besten Flats bekäme. So etwa:

Man lese das unvermittelt als Deutschsprachiger einmal laut. Bei Base bekomme ich die besten Flats. Kopfschuss, oder? Ich fand schon vor einiger Zeit das muntere Flatraten als Nachfolger von Robert Lemkes Beruferaten interessant und dachte einen kurzen Augenblick lang, dass die Flatraten ein friesischer Volksstamm gewesen seien. Aber die Flatraten sind jetzt dann ja auch ausgestorben. Verdrängt von den Flats. Flats? Flats! Das ist das Geräusch, das ein Eier-/Pfannkuchen macht, der beim Versuch des coolen Wendens mittels aus der Pfanne mit einem Ruck in die Luft werfens, eine unvorhergesehene Flugbahn einnimmt und auf dem Fußboden landet. Flats! Aber doch bitte kein Produkt, das man kaufen kann. Flats ist der Sohn der Mutter Tarif und des Vaters Gebühr. So eine Art Kevin Patrick der Produktfamilie. Brauchen wir sowas? Armes Deutschland.

Und wenn ich schon mal dabei bin: Ist euch eigentlich aufgefallen, dass immer mehr Produkte in Deutschland aus Westafrika kommen. Vom Golf von Guinea, genauer gesagt, aus dem schönen kleinen Staat Togo. Schaut mal genauer hin. Bei Starbucks (!) zum Beispiel, aber mittlerweile auch bei Rackl’s Backstube, gibt es den leckeren Kaffee Togo. Ich wusste bislang gar nicht, dass dort auch Kaffee angebaut wird. Aber nicht nur das – beim Frisör, verzeihung, beim Coiffeur und beim Hairstylisten gibt es für 10 EUR den Cut Togo (der Afrikaner ist ja bekannt für seinen filigranen Umgang mit der Friseurschere – oder ist es ein Cut a la Togo? Kommt der Afrolook wieder?). Und bei Mac Donalds und Burger King (Bürgerkönig) werden wir gefragt: „Hier essen oder Togo?“ (wegen der Mehrwertsteuer übrigens, die im einen Fall 7%, im Anderen 19% beträgt. Also bitte immer schön „Hier essen“ sagen, dann mindert Ihr die Rendite von diesem US-imperialistischen Bratlingkonzern). „Hier essen oder Togo?“ werden wir also gefragt… Ich meine, bis ich in Togo bin, ist der Fleischklops doch schon kalt und schimmelig. Wie kommen die auf sowas?

Ich glaube, ich mach mir jetzt erst mal einen schönen Kaffee Togo und chill mal!

Lost in the Supermarket

Ich fühle mich terrorisiert von Scannerkassen, über die die Kassiererinnen in so rasender Geschwindigkeit die Ware ziehen, dass es mir parallel zum Einpacken der Ware vollkommen unmöglich ist, nachzuvollziehen, ob auch alle Preise richtig angegeben werden. Häufig genug ist das nicht der Fall („oh – da scheint das Angebot noch nicht in der zentralen Datenbank abgelegt zu sein, mein Herr“-). Das zwingt mich theoretisch dazu, an der Kasse vor den Augen der wartenden Meute meinen Bon zu prüfen, was ich faktisch nie tun würde, weil es so spießig aussieht.

Ich fühle mich terrorisiert von halbblinden Rentnerinnen, die an der Kasse ihr gesamtes Kleingeld auf das Fließband schütten und durch die dritten Zähne zur Kassiererin nuscheln „suchen’s sich des do bittschön raus“.

Ich fühle mich generell terrorisiert von Rentnerinnen, die zwischen 17 und 19:30 einkaufen gehen, weil da so schön was im Supermarkt los ist.

An meiner Kasse dauert es IMMER am längsten.

An meiner Kasse ist IMMER die Kassenrolle alle.

An meiner Kasse geht IMMER der Scanner nicht richtig, so dass die Kassiererin 15-Stellige Zahlencodes händisch eingeben muss, was sie nicht kann, weil sie ja immer nur Waren über den Scanner zieht, weswegen sie sich vertippt und statt 0,99 EUR für den Mövenpick-Joghurt 49 EUR für Lammkoteletts auf dem Bon erscheinen, den ich nicht prüfe weil es so spießig aussieht.

An meiner Kasse steht IMMER jemand (eine Rentnerin) vor mir, der Waren dabei hat, auf denen kein Barcode ist, so dass die Kassiererin auf unbestimmte Zeit im Supermarkt verschwindet um eine Packung MIT Code zu finden.

Heute sage ich euch, meine Freunde, trotz der Schwierigkeiten von heute und morgen habe ich einen Traum. Ich habe einen Traum, dass eines Tages diese Nation sich erheben wird und der wahren Bedeutung ihres Credos gemäß leben wird: „Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: dass Scannerkassen abgeschafft gehören.“

Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Brandenburg die Söhne früherer Kassierer und die Söhne früherer Kunden miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.

Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages selbst ALDI, ein Supermarkt, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Gerechtigkeit verwandelt.
Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauhen Orte werden geglättet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen.

Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben kehre ich in die Heimat zurück.

Mit diesem Glauben werde ich fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, die schrillen Missklänge in unseren Supermärkten in eine wunderbare Symphonie der Brüderlichkeit zu verwandeln.

Hallelujah!