Burmese Days – Pt. 2 MraukU

21.10.
Der Weg ist das Ziel

Wer Goethes Italienische Reise gelesen hat, weiß, was ich meine. Auf einer Strecke, die unsereiner mittlerweile an einem guten halben Tag zurücklegt (außerhalb der Ferienzeit; wochentags) hatte er die Zeit, einen ganzen Bestseller zu schreiben. An unserem nächsten Zielort wird schon seit längerem ein Flughafen geplant. Bis zur Realisierung desselben ist der Ort nur beschwerlich erreichbar (nein, nicht Berlin). Deswegen besuchen Mrauk U (gesprochen etwa „Miau“) auch nur etwa 5.000 Touristen im Jahr, obwohl es eigentlich eine der Hauptsehenswürdigkeiten Myanmars ist. Immerhin war Mrauk U über lange Zeit Regierungssitz und damit auch Religionssitz des Landes, doch davon später.

Üblicherweise machen alle Myanmar-Touristen in etwa die gleiche Rundreise: Yangoon – Mandalay – Bagan – Lake Inle – Yangoon. Das ist alles touristisch einigermaßen erschlossen und man kommt recht kommod von a nach b. Alles, was abseits dieser Reise im Uhrzeigersinn liegt, wird schwierig. Mrauk U zu planen war SEHR schwierig. Es gibt nur einige Hostels (zu einfach) und ein Luxushotel (zu teuer). Die Anreise geht nur über Sittwe (Inlandsflug)und dann per Boot (Fähre nur Dienstag und Donnerstag) oder im Auto (keine befestigten Straßen). Wir haben dann zähneknirschend das Mrauk U Princess Resort gebucht (teuer, aber wie sich herausstellen sollte, sehr schön). Die bieten ab Sittwe auch einen Transfer in ihrem eigenen Boot an, der aber schlicht unbezahlbar ist (dafür aber mit Champagner…).

Um es kurz zu machen: Nach einiger Recherche habe ich eine nachgerade fantastische Agentur gefunden – Onestop Myanmar sei hiermit ausdrücklich empfohlen (ebendie, die auch auf den Brand hingewiesen haben). Diese haben uns einen Bootstransfer für weniger als 50% des Hotelbootpreises inkl. Abholung am Flughafen arrangiert (dafür aber ohne Champagner…).

Unser ursprünglich gebuchter Inlandsflug wurde erst einmal storniert („due to maintenance reasons the entire fleet will not operate in October“), wir haben dann auf die etwas solidere Myanmar Air umgebucht (es gibt hier um die 8 Airlines, von denen 6 in keinerlei Hinsicht Europäischen Sicherheitsanforderungen entsprechen. Flüge werden gerne storniert, verschoben oder fliegen früher. Reconfirmen der gebuchten Flüge ist Backpackerpflicht).

Die Myanmar Air verlangt, dass man für einen Inlandsflug ganze 2 Stunden vor Abflug am Flughafen sein muss. Also wieder einmal früh aufstehen, ohne Frühstück ins Taxi, am Flughafen gefrühstückt und rechtzeitig am Gate gewesen. Dumm nur, wenn man weder die burmesische noch die burmenglische Durchsage versteht. Wir wurden dann persönlich aufgefordert einzusteigen und hatten einen eigenen Bus zum Flugzeug, in dem auch schon alle Passagiere auf uns warteten. Geduldig. Wir sind in Asien.

Bei der Einreise in die Provinz Rakhine wartete trotz Inlandsflug bereits ein Immigration Officer auf uns, der Visum und Pässe prüft. Rakhine ist recht nah an den unsicheren und Nogo-Zonen, da behält man seine Reisenden lieber im Blick. Gottseidank wusste ich hier bereits, dass man unsere Destination komplett anders ausspricht, als man sie schreibt. Englisch spricht hier so gut wie niemand.

Transfer zum Boot. Abfahrt 14:00, Strecke ca. 60km flussaufwärts. Unser Boot hatte eine beeindruckende Größe und wir hatten den Kahn komplett für uns. Bilder von Bogart und Hepburn in African Queen standen vor meinem geistigen Auge, als wir majestätisch langsam den braunen Fluss hinauf entlang Kranichen, Wasserbüffeln und Reisfeldern fuhren. Nach 2-3 Stunden wurden die Holzstühle erstaunlich unbequem. 60 km Strecke und unser Boot fuhr im Schnitt ca. 12 km/h. Einfach zu errechnen, dass die angekündigten 3,5h Fahrtzeit nicht ganz realistisch waren. Um 18:00 wurde es stockfinster. Zum im Fluss schwimmenden Treibgut (Regenzeit…) und unmarkierten Untiefen gesellten sich unbeleuchtete Fischer in Kanus. Auch unser Boot war komplett unbeleuchtet. Vor dem geistigen Auge stand jetzt eher Martin Sheen in Apocalypse Now. Passt auch von der Region besser. Der Bootsjunge kletterte mit einer Taschenlampe aufs Dach, um die 50m vor dem Bug zu beleuchten. Dann endlich um kurz vor 20h der Steg des Hotels.

Man bekommt ein gutes Gefühl für Entfernungen, wenn man wie Goethe reist. Und der Hintern tut einem weh.

 

22.10.
A rainy day in Mrauk U

Der Oktober ist ein Risikomonat für Reisen nach Myanmar. Die alte Regenzeit in ihrer Schwäche zieht sich in raue Berge zurück, aber manchmal kommt eben doch ein Zyklon aus Indien um die Ecke, so zum Beispiel am 21. Oktober 2017. Bereits in der Nacht hat es gewittert, wie man das als Europäer höchstens noch vom Berg und von hoher See kennt. Es regnete dann auch mehr oder minder den ganzen Tag. Dumm gelaufen, denn genau heute war der Tag dessentwegen wir die beschwerliche Reise in den Nordwesten antraten. Hilft ja alles nichts, dann kommt zu Rucksack und Kameratasche eben noch der Regenschirm und man wünschte sich, man wäre eine hinduistische Gottheit und hätte 2 Arme mehr.

Über atemberaubend schlechte, von der Regenzeit zerfressene Lehmwege rumpelten wir im TukTuk zur Shittaung Paya, dem zweitgrößten erhaltenen Tempel (Übersetzt „Tempel der 80.000 Bilder“, weil dort 80.000 Buddhastatuen stehen/standen) – der größte Tempel (Kothaung Paya; Tempel der 90.000 Bilder. Competition my ass!) sei aufgrund der Straßenverhältnisse nicht erreichbar, hieß es. Die Tempelanlagen erinnern mit ihren dicken Wänden und schmalen Gängen an Zitadellen und manchmal auch an Bunkeranlagen. Nur mit mehr Buddhastatuen.

Mrauk U war vom 15. bis ins 18. Jahrhundert der Königssitz und das Machtzentrum im Großraum zwischen Indien und Burma. Wie auch in Europa gab es keine wirkliche Trennung zwischen Staat und Kirche und so überboten sich die Könige und deren Nachkommen beim Bau von Pagoden, Tempeln und Buddha-Statuen. Da kommt in 300 Jahren einiges zusammen.

Hunderte von Stupas – teils aus schwarz gewordenem Sandstein, teils goldverziert, teils noch überwachsen – schmiegen sich in die grüne Landschaft und stehen stolz vergoldet, restauriert, verfallen oder noch verschüttet in den grünen Hügeln und Tälern.

Die gesamte Szenerie wird belebt von bunt gekleideten Burmesen mit dreieckigen Hüten, die zu Fuß, auf Fahrrädern oder auf Mofas ihren täglichen Verrichtungen nachgehen. Durch den Regen und die vielen Spiegelungen und Lichtreflexe bekam das Ganze einen ganz eigenen Charakter. Zudem hatten wir seit 2 Tagen kein einziges westliches Gesicht gesehen. Ich fühlte mich zurückversetzt in eine längst vergangene Zeit.

Irgendwann waren wir dann nass und hatten keine Lust, noch nässer zu werden. Also zu Fuß zurück ins Dorf, weil die Taxidichte hier deutlich geringer ist, als in Yangoon; man könnte sagen, sie tendiert gegen Null. Kulturbeflissen auf dem Heimweg noch einen Abstecher zum alten Kaiserpalast, von dem allerdings nur noch die Grundmauern stehen. Dann im Moe Cherri (eines von 2 Restaurants hier) das verdiente Feierabendbier.

 

23.10.
I live by the river

Sonne! \o/

Um 8:00 wartete bereits der Minivan vor der Tür. Heute hatten wir ausnahmsweise einmal Guide, Fahrer und Boot vorgebucht, um den westlichen Arm des Irrawaddy (der einen eigenen Namen hat, den ich leider nicht notierte) zu erobern. Etwa 2 Stunden Nördlich von Mrauk U liegen einige Dörfer des Volksstammes der Chin, die wir besuchen wollten. Myanmar ist ein Schmelztigel aus unterschiedlichsten Völkerstämmen mit über 100 unterschiedlichen Sprachen, eigenen Traditionen und Physiognomien. Noch heute werden ethnische Minderheiten unterdrückt, können keine Staatsämter bekleiden und profitieren nicht an der Ausbeutung der reichen Bodenschätze ihrer Region.

Wir befinden uns aktuell im Rakhine State, nördlich davon liegt der sehr arme, an Bangladesh grenzende Chin State. Die Grenzlinien sind jedoch künstlich und so wohnen im nördlichen Rakhine auch bereits Chin. Wären wir auf dem Fluss konsequent weiter in Richtung Norden gefahren, hätten wir erst den Chin State durchquert, um dann nach gar nicht all zu langer Zeit in Indien anzukommen.

Die Chin-Dörfer sind ein beliebtes Ausflugsziel, denn hier wurden bis in die 50er Jahre die Mädchen im Kindesalter im Gesicht mit „tribal tattoos“ tätowiert. Im gesamten Gesicht, inkl. Augenlider, was sehr schmerzhaft sein muss, weswegen die Regierung bereits 1960 diese Tradition verbot.

Die Fahrt flußauf war malerisch und ging vorbei an Hügeln, Reisfeldern und Dörfern. Immer wieder sah man Menschen beim Wäsche waschen, baden, bei der Körperpflege oder beim Wasser holen. Frauen mit einem rund geformten Silberkrug auf dem Kopf, original so, wie man das von Mowglis Freundin aus dem Dschungelbuch kennt.

Männer mit Strohhut und nacktem Oberkörper beim Ernten, entgrünen und Bündeln von Bambus, der dann als Floß flußabwärts transportiert zum Verkauf angeboten wird.

Wir besuchten zwei Dörfer. Das erste war bereits auf Besucher eingestellt. Hier lebten noch 5 tätowierte alte Frauen, sämtlich Charakterköpfe mit teils erstaunlich nordeuropäisch anmutenden Gesichtszügen. Gegen ein kleines Entgelt darf man fotografieren. Auf einem Bambustisch werden selbst gewebte Decken zum Verkauf angeboten.

Alles wirkte hier sehr sauber, aufgeräumt und harmonisch. Myanmar gehört zu den wenigen weniger entwickelten Ländern, in denen absolute Gleichberechtigung herrscht und das merkt man überall auch am Umgang miteinander. Beim Überqueren einer kleinen maroden Holzbrücke ist eine morsche Planke unter mir zerbrochen und es war ein kleines Wunder, dass ich nicht mal einen Kratzer abbekommen habe.

Unser Highlight war das zweite Dorf, etwas weiter flußaufwärts. Hier war man noch nicht auf Touristen eingestellt. Als wir ankamen, kam eine tätowierte Frau auf uns zu und lud uns ein, mit ihr eine Pomelo zu essen und etwas zu ratschen. So saßen wir dann auf Plastikstühlen da, sie schälte die Frucht und wir unterhielten uns (der Guide übersetzte). Etwas später kam noch ihre Schwester dazu. Beide hatten einen herrlichen Humor und einen ausgeprägten Mutterwitz – um ein Haar wäre ich mit der Schwester (Witwe, 72) verkuppelt worden. Mehrfach wurde betont, wie wichtig die Schule im Dorf sei. Als ich sagte, dass ich eine Kleinigkeit für die Schule spenden wolle, geriet das halbe Dorf in Bewegung. Der Dorfälteste kam mit einem Donation book und feierlich wurden Name, Nationalität und Spende eingetragen.

Man kann nur hoffen, dass sich die Zivilisation verträglich und harmonisch an diesen entlegenen Winkel der Welt pirscht.

Wohlbehalten wieder im Dorf angekommen fragt uns unser Guide doch tatsächlich, ob wir noch eben zum Kothaung Paya fahren wollen. Das ist der Tempel, zu dem uns am Vortag der Fahrer aufgrund schlechter Straßenverhältnisse nicht bringen konnte. Nach der Fahrt dorthin hatten wir Verständnis, es lohnt sich aber auf jeden Fall, etwas durchgeschüttelt zu werden. Der größte Tempel der Region steht etwas abseits und wurde aufgrund der Weissagung eines Astrologen in nur 6 Monaten erbaut. Aus Mangel an Sandstein aus Ziegeln, weswegen er nun schneller zerfällt und bereits zu guten Teilen von der Natur zurückerobert wurde. Renovierungsarbeiten sind geplant und einerseits notwendig, andererseits werden sie leider auch etwas von der eigenen Magie dieses Ortes entfernen.

Fazit zu Mrauk U: Die Anreise ist eine beschwerliche und umständliche Tagesreise, aber gottseidank ist das so. Ganze 5.000 Touristen im Jahr, kaum einer davon im Oktober, weil es da noch regnen kann, und voraussichtlich aufgrund der Medienberichte über „Unruhen im Norden“ erst einmal noch weniger, auch wenn dieser Norden noch sehr weit entfernt von Mrauk U ist. Auch wir hatten ja kurzzeitig leichte Bedenken, die im Nachhinein vollkommen grundlos waren.

Bis auf zwei kurze Ausnahmen haben wir keine anderen Touristen gesehen. Entsprechend ursprünglich ist rund um Mrauk U alles noch und ich bin jetzt gespannt auf Bagan und Lake Inle, erwarte dort jedoch deutlich mehr touristische Infrastruktur, Taxis, laminierte Speisekarten und weniger „ursprüngliches Asien“, als hier im Norden.

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