Kleine Orientierungshilfe für heimatsuchende Neuberliner

Diesen Beitrag schrieb ich vor einiger Zeit für eine Freundin, die nach Berlin zog. Vielleicht hilft er ja auch dem/der einen oder anderen Neuberliner(in) bei der Orientierung

Kieze sind in Berlin sehr wichtig. Berlin spiegelt die föderale Bundesrepublik in seinen Bezirken wieder. Jeder Bezirk hat so etwas wie einen eigenen Ortskern mit eigenen Geschäften, manchmal einer Fußgängerzone, oft einem Springbrunnen und gelegentlich den unvermeidlichen Malls. Innerhalb der Bezirke gibt es dann wieder Kieze, das sind so 3-4 Straßenblöcke mit einer eigenen Sub-Subkultur und mindestens 3 Eckkneipen mit Molle und Korn oder Futschi bis 13:00 für 1 Eur.

Bis auf die Bewohner der absoluten Innenbezirke fährt der Berliner „in die Stadt“, wenn er sich in einen der inneren Bezirke begibt, die Spandauer sind eigentlich keine Berliner und dokumentieren das damit, dass sie „nach Berlin“ fahren, sobald sie Spandau verlassen.

Folgender Farbcode soll Dir dabei helfen, Dich mal grundsätzlich zurechtzufinden, wobei Du immer im Hinterkopf haben musst, dass nicht der (farblich markierte) Bezirk, sondern der Kiez das eigentlich ausschlaggebende Kriterium ist. Jule wohnte z.B. im Wedding und fand es gut da, obwohl es eigentlich ein Problembezirk ist. Ich habe auch nicht genau die Bezirksgrenzen markiert, denn das nördliche „kreuzberger“ Neukölln Höhe Herrmannplatz ist eigentlich gut zum Wohnen, ebenso wie der ganz südliche und südöstliche Wedding.


Rot sind die „inner Circle“ Partybezirke. 1.000 Kneipen überall, viel Szene und Künstler und so, aber z.T. auch extreme Gentrifizierung und Juppiezuzug. Das merkt man leider an den Mieten! Mitte selbst ist eher Geschäftsbezirk, sehr zentral, die Mitte eben, aber nicht wirklich sexy. Prenzelberg ist die Partymeile für die Touristen. So eine Art zentraleuropäische Kao San Road. Die Szene zieht gerade wieder da weg, weil die Preise steigen. Oder um es mit Rainald Grebe zu sagen: „Die Mieten hier sind bezahlbar, denn ich kann sie ja zahlen“. Friedrichshain ist die Partymeile für die Einheimischen, gefällt mir sehr gut. Leider ist die Gentrifizierung aber dort auch schon In vollem Gange. Mein Favorit hier ist die Grenze zwischen Kreuzberg und Mitte. Südlich von der Museumsinsel. Friedlich, aber trotzdem ganz viel Infrastruktur. Alles in Fußnähe. Kreuzberg selbst finde ich nach wie vor sehr geil. Die Szene kehrt gerade wieder hierher zurück, weil die Mieten bezahlbar sind – Ich persönlich würde (wieder) nach Kreuzberg ziehen. Die Türken sind gut etabliert in der 3. Generation, tolle Kneipen. Kreuzberg unterteilt sich in 36 (mehr Szene) und 61 (etwas bürgerlicher).

Gelb sind die Problembezirke mit einer Tendenz zu abendlicher Straßenunterhaltung durch Messerstechereien. Dort ziehen gerne einmal marodierende Horden von Arabern (Neukölln) oder Glatzen (Marzahn) durch die Gegend. Da würde ich nicht hinziehen. Allerdings ist der nördliche Zipfel von Neukölln, den ich rot markiert habe, gerade dabei, in zu werden. Da kommt es jetzt sehr auf den richtigen Straßenzug an, wenn man da hinziehen will.

Hellblau sind die alten Westberliner Innenstadtbezirke, als noch die Mauer stand, ist die Szene in Kreuzberg gewesen und im hellblauen Bereich war das restliche Berlin unterwegs. Gutbürgerlich, Altbauwohnungen, Eckkneipen, Theater, Programmkinos, aber eben alles andere als „hip“. In Tiergarten sitzt die Regierung, entsprechend teuer kann es da sein. In Charlottenburg gibt es das KaDeWe, entsprechend wenige Parkplätze. Charlottenburg und Schöneberg sind die alte City, als noch die Mauer stand. Da gibt es tolle Altbauwohnungen, meist mit Alt-68ern bewohnt, die sich die Mieten da leisten können.

Zartrosa sind Wohnbezirke mit Infrastruktur. Relativ zentral, aber sterbenslangweilig. Ich bin zwar in Wilmersdorf geboren, würde da aber nicht wieder hinziehen. Im Musical „Linie 1“ gibt es ein schönes Lied über die Wilmersdorfer Witwen.

Hellgrün ist Pampa. Nada. Da kann man wohnen, aber ansonsten auch nicht viel. Speziell Reinickendorf und Pankow haben fast schon wieder dörfliche Infrastrukturen. Steglitz ist zum wohnen ganz OK, aber total nichtssagend. Tempelhof ist eher urban, so ein typischer lower middle class Wohnbezirk. Die nördliche Ecke von Tempelhof, der Zipfel zwischen Kreuzberg und Schöneberg ist allerdings ganz schön zum Wohnen.

Die FU liegt im hier dunkelgrün markierten Zehlendorf, genauer gesagt im sehr noblen Villenviertel Dahlem. Das ist ein sehr bürgerlich gutsituierter Bezirk, da wird immer CDU gewählt, dicke Autos, im Grunewald ist Holzauktion, Badeseen. Reiner Wohnbezirk. In Zehlendorf gibt’s nahe der Uni auch Studentenwohnheime, die ganz OK sind. In der Nähe der FU gibt es keine echte Szene. Du musst also als erstes mal die Entscheidung treffen, ob Du einen kurzen Weg zur Uni haben willst und dafür Abends etwas länger unterwegs bist, oder ob Du in der Szene wohnen willst und dafür etwas früher aufstehst. Die Verkehrsmittel in Berlin sind klasse, Du kommst also immer gut von Überall nach Überall hin.

Dann gibt es noch Spandau. Tja, Spandau. Vermeide Spandau einfach, außer zu den Open Air Konzerten in der Zitadelle.

In die Ost-Berliner Randbezirke würde ich nicht gehen. Zu denen kann ich auch wenig sagen, da bin ich zu selten.

Das ist jetzt natürlich alles sehr sehr grob. Du wirst in jedem Bezirk, sei er auch noch so gelb markiert, sehr schöne Ecken finden. Orientiere Dich grob an den vielen Parks, Kanälen und Plätzen. Da wohnt es sich sehr schön. Ich habe bspw. mal in Neukölln am Herrmannplatz gewohnt. Da zuckt erstmal jeder zusammen, aber das war direkt gegenüber vom Jahnpark, da würde ich jederzeit wieder hinziehen.

Meine Favoriten noch mal zusammengefasst: Kreuzberg, nördliches Neukölln, Friedrichshain, nördliches Tempelhof und Schöneberg. Viel Spaß beim Suchen!

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